In der Wolkersdorfer Trafik von Ulrike Stiermeier ist der erste Lehrling ausgelernt – und der zweite beginn gerade. Foto: Magnific
Im Mai 2024 haben wir am Beispiel von Ulrike Stiermeier aus Wolkersdorf erstmalig über die Möglichkeit berichtet, in einer Trafik einen Lehrling als Einzelhandelskaufmann auszubilden – da war Irmas Lehre gerade acht Monate jung. Mit Anfang Juli 2026 beendete Irma nun ihre Lehre mit gutem Erfolg. Wir haben diesen Anlass genutzt, um mit der Lehrherrin und ihrer jüngsten Verkäuferin nach absolvierter Lehre zu sprechen.
Frau Stiermeier, vor über zwei Jahren waren Sie schon von Irma begeistert – was hat sich seither getan? Und wie haben Sie, Irma, Ihre Lehrzeit erlebt?
Stiermeier: „Irma ist mit ihrer Verlässlichkeit, Freundlichkeit und Gewissenhaftigkeit eine echte Stütze meiner Trafik und versteht sich auch sehr gut mit meiner Tochter Theresa, die das Geschäft im November übernehmen wird. Das freut mich natürlich, weil der Start in die Selbstständigkeit mit einem guten, eingespielten Team einfacher wird.“
Irma: „Ich habe wahnsinnig viel gelernt und bin nach meiner Einschätzung viel breiter aufgestellt als die anderen Berufsschul- Kollegen aus dem Papierhandel. Außerdem sind der Kundenkontakt und der Verkauf genau meines. Mit der Chefin und der Theresa habe ich ein sehr gutes Verhältnis und fühle mich als Teil der Familie.“
Inwiefern unterscheidet sich das Arbeiten mit Angestellten von der Arbeit mit einem Lehrling?

Stiermeier: „Man hat natürlich mehr Verantwortung. Auf der anderen Seite hat man die Möglichkeit, einen jungen Menschen genau so an die Arbeit im Geschäft heranzuführen, wie man es haben möchte – das ist bei Mitarbeitern mit Vorerfahrungen im allgemeinen Handel oft schwierig. Außerdem lernen junge Leute erfahrungsgemäß deutlich schneller als ältere. Und wenn das Verhältnis zwischen Lehrherr und Lehrling ein gutes ist, bleibt einem ein wertvoller Mitarbeiter dann auch erhalten.
Mit einem jungen Mädchen als Lehrling sollte man natürlich auch ein Auge darauf haben, dass speziell männliche Kunden einen respektvollen Umgang mit ihr pflegen – da muss ich manchmal darauf bestehen, dass Anzüglichkeiten unterbleiben müssen. Eine erwachsene Verkäuferin tut sich viel leichter damit, Grenzen zu setzen.“
Welche Aufgaben kann man einem Lehrling übertragen?
Stiermeier: „Das kommt natürlich auf die Lernfähigkeit und Lernbereitschaft an – und auch darauf, wie das Geschäft selbst ist: An einem Frequenzstandort geht es hauptsächlich um Zigaretten und Lotto, wir haben aber ein sehr breites Angebot. Irma ist sehr schnell in alle Themen hineingewachsen und ist besonders an den neuen Produkten wie Vapes, Pouches und Tabakerhitzer sehr interessiert. In die Zigarren arbeitet sie sich auch gerade gut ein, die waren bisher das Spezialgebiet meiner Tochter. Irma darf auch längst Bestelllisten machen, Zeitschriften samt Rechnungen kontrollieren und die Kassa abschließen, weil wir ein sehr schönes Vertrauensverhältnis haben.“
Irma: „Ich bin von meinen Mitschülern in der Berufsschule beneidet worden, weil ich so viel lernen und selbstständig machen durfte. Das haben die meisten Lehrlinge bei Libro, Pagro und anderen Geschäften ganz anders erlebt – die sind hauptsächlich mit Putzen, Nachschlichten und Kassa beschäftigt.“
Möchten Sie beide abschließend noch etwas zur Lehre in der Trafik sagen?
Stiermeier: „Ich verstehe eigentlich nicht, warum nicht mehr Kollegen Lehrlinge ausbilden – das ist eine sehr schöne Art, sich guten Nachwuchs für den Verkauf heranzuziehen. Ich weiß nur von einer Kollegin in Graz, die jetzt auch einen Lehrling hat.“
Irma: „Die Jugendlichen wissen nicht, dass man eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann auch in einer Trafik machen kann. Das finde ich schade, weil ein Tabakfachgeschäft eine sehr spannende und abwechslungsreiche Arbeit bietet. Vielleicht kann diese Information stärker verbreitet werden?“
INFO: Der Weg zur Lehrlingsausbildung
1. Persönliche Ausbildungsberechtigung
Diese Berechtigung kann jeder nach Vollendung des 18. Lebensjahres erwerben. Ihr gleichwertig sind Fachprüfungen für Steuerberater, Buch- und Wirtschaftsprüfer, Anwalts-, Apotheker- oder Unternehmerprüfung, Dienstprüfungen für Beamte, Richter, Lehrer, Befähigungsprüfungen verschiedener Gewerbe sowie Abschlussprüfungen an Meisterschulen.
Liegen diese Prüfungen nicht vor, so kann ein Ausbildungskurs im Ausmaß von 40 Unterrichtseinheiten bei WIFI, Bfi oder WKO-Fachakademien absolviert werden. Dieser umfasst Ausbildungsziele, Ausbildungsplanung, Vorbereitung, Durchführung und Kontrolle der Ausbildung, Verhalten ggü. dem Lehrling sowie die wichtigsten Gesetze und wird durch ein Fachgespräch zu einem Praxisbeispiel abgeschlossen.
2. Antrag auf Feststellung der Eignung zur Lehrlingsausbildung
Dieser ist bei der Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer des jeweiligen Bundeslandes zu stellen. Diese prüft gemeinsam mit der Arbeiterkammer die Berechtigung des Betriebs lt. Gewerbeordnung, die Ausbildungstätigkeiten durchzuführen, den Betrieb selbst, ob in ihm alle dem Lehrling im Berufsbild enthaltenen Fertigkeiten vermittelt werden können sowie ob eine für die Lehrlingsausbildung geeignete Person zur Verfügung steht. Werden diese Voraussetzungen erfüllt, so wird ein Feststellungsbescheid ausgestellt.
Wissenswertes:
Nach fünf Jahren ohne Lehrling verfällt der Bescheid und muss erneut beantragt werden. Die Ausbildungsberechtigung behält ihre Gültigkeit.
Es gibt KEIN automatisches Rauchverbot in der Trafik, nur weil ein Jugendlicher ausgebildet wird. Der Jugendschutz betrifft nur die Konsumation durch Minderjährige.
Neben 8–10 Wochen Berufsschule pro Jahr stehen Lehrlingen 6 Wochen Urlaub zu – rund ein Viertel des Jahres ist ein Lehrling daher nicht im Geschäft.
